Vom Wiederaufbau der Vergangenheit zum Aufbau der Zukunft. Kinder in den Trümmern in Gerhard Lamprechts Irgendwo in Berlin (1946) und Hans Deppes Die Kuckucks (1949)

by Elizabeth Ward

In: Planen für die Zukunft, Bauen für den Frieden, Wohnen in Gemeinschaft, Arbeiten im Kollektiv. Film und Fernsehen der DDR edited by Michael Grisko and Günter Helmes

2023


Schon lange dienen Kinder als metaphorische Figuren im historischen Film. Als künftige Träger der familiären oder nationalen Identität einer Generation unterstreicht ihre Rolle im Film oftmals die Notwendigkeit der generationsübergreifenden Weitergabe von Traditionen. Zudem zeugen sie von Momenten des Bruchs und der Verwandlung im persönlichen und öffentlichen Leben. Auf diese Weise markieren die Erfahrungen, Belastungen und Traumata der jungen Protagonisten den Verlust der Unschuld, aber auch die Möglichkeit einer zukünftigen Erneuerung: Die jungen Protagonisten können die Unschuld der Vergangenheit zwar nicht wiedergewinnen, aber deren Erwachsenwerden deutet auf die Möglichkeit einer Zukunft hin, die von den Erfahrungen und Handlungen der vorherigen Generation geprägt, aber nicht bestimmt ist. Diese Symbolik ist besonders in den Filmen ausgeprägt, die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren Filme entstanden, die in der Forschung gemeinhin als „Trümmerfilme“ bezeichnet werden. 

Es gibt jedoch wohl nur wenige Symbole, die im Trümmerfilm so eindrucksvoll sind wie das der Kinder, die sich in der Nachkriegslandschaft der zerbombten deutschen Städte bewegen: Als Zeugen persönlicher und gesellschaftlicher Traumata, die sie nicht verschuldet haben, müssen sie sich im Nachkriegsraum der jüngsten Vergangenheit zurechtfinden, um ihren eigenen Weg in die Zukunft zu finden. Im übertragenen Sinne stellen diese Bilder die umfassendere Frage, ob die Trümmer auf den Straßen der Nation zum Wiederaufbau oder zum Neuaufbau verwendet werden sollen und vor allem, wie eine neue Zukunft aufgebaut werden kann. Um diese Fragen zu untersuchen, wird in diesem Kapitel das Verhältnis zwischen der figurativen Rekonstruktion der gebauten Umwelt und der Rolle der jungen Protagonist*innen in zwei DEFA-Nachkriegs-Trümmerfilmen, Gerhard Lamprechts Irgendwo in Berlin (1946) und Hans Deppes Die Kuckucks (1949), untersucht.