Zur strategischen Aneignung der Anne Frank-Figur in Konrad Wolfs Professor Mamlock (1961)

by Elizabeth Ward

In: Anne Frank: Mediengeschichten edited by Peter Seibert, Jana Piper and Alfonso Meoli

Metropol-Verlag, 2014
ISBN: 978-3863311995

Das Presseheft zu Konrad Wolfs Film Professor Mamlock (1961) zitiert die
Schauspielerin Doris Abeßer mit den Worten, die Rolle der Ruth Mamlock
habe sie gereizt, „weil ich nie als Anne Frank auf der Bühne stand“. Diese
zunächst eher zufällig erscheinende Anspielung erweist sich bei näherer
Betrachtung als nur einer von zahlreichen intermedialen Bezügen, durch
die der Film das wohl berühmteste Opfer nationalsozialistischer Vernichtungspolitik
als zentralen Orientierungspunkt für das Publikum etabliert.
Dieser Aufsatz untersucht, auf welche Weise der DEFA-Film Professor Mamlock
Anne Frank in Gestalt der Figur Ruth Mamlock evoziert. Dabei wird
gezeigt, wie durch Abweichungen von der Dramenvorlage, durch eine Reihe
von Besetzungsentscheidungen sowie die Vermarktung des Films Bezüge
zwischen Anne Frank und Ruth Mamlock hergestellt werden, die zweierlei
Zweck dienen: Zum einen wird durch diese Rahmung das mediale Interesse
der Zeit an Anne Frank ausgenutzt, deren Geschichte insbesondere unter
jüngeren Zuschauern große Resonanz gefunden hatte. Andererseits impliziert
diese Rahmung auch eine Aneignung der Figur Anne Frank für den
ideologischen Kontext der DDR.